Perspektive Stadt – waiting lands oder die moderne Allmende

 

 

Für die Städte aber, die in einer ohnehin dünn besiedelten Region liegen, könnte es die Chance und Herausforderung bedeuten, städtebauliche Fehlentwicklungen mit einem hohen Anspruch an die Baukultur zu korrigieren und so ihr Stadtbild als ein Privileg der Eigenart des konzentrierten Ortes zu gestalten. Die Geschichte des Bauens war ohne Naturverlust nicht möglich. Ein deutliches Zeichen waren die Auswirkungen der Flutkatastrophe für weite Siedlungsbereiche in ehemaligen Feuchtgebieten. Jetzt stellt sich die einmalige Aufgabe einer veränderten Perspektive: verloren gegangene naturräumliche Grundlagen als Chance für die Stadtgestalt wieder zu entdecken und die Stadt nach jenen Vorgaben zurückzubauen. Paul Valéry stellt in seinem Buch „Eupalinos” fest: „Zerstören und Aufrichten sind gleich an Wichtigkeit. Zerstören mit Verstand.” Welche Perspektiven aber lassen sich an die Leerstands-Areale knüpfen, als Brückenschlag zwischen Stadt und Landschaft?

 

Der Philosoph Michael Foucault sagte über Gärten als besondere, korrespondierende Orte: „Es gibt ... in jeder Kultur, und das wohl in jeder Zivilisation – wirkliche Orte, wirksame Orte, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind … Weil diese Orte ganz anders sind als alle Plätze, die sie reflektieren oder von denen sie sprechen, nenne ich sie im Gegensatz zu den Utopien ... HETEROTOPIEN ...”

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Innerstädtische Brachen werden auf diese Weise wie im Mittelalter zur Allmende, zum gemeinsamen Nährboden für das Entwickeln von Überlebensstrategien. Als waiting lands, wie der niederländische Architekt Kees Christiansen sie beschreibt, können Brachen zur geplanten Landschaft in der Stadt, zum konkreten Neuland für eine langfristige Entwicklung werden: „ ... erhaltenswerte Gebäude werden unterteilt in unmittelbar nutzbar oder noch nicht nutzbar. Die nutzbaren werden so viel wie möglich vermietet, auch ohne Mietpreis an Startunternehmer mit der Auflage, ihre Flächen selber zu verbessern. Die übrigen Gebäude werden abgerissen, Material bleibt auf dem Gelände für später. Die entstandenen Leerflächen ... werden extensiv benutzt als Weideland oder für Raps oder Schafzucht, eine Form der Nutzung, die jedenfalls eine strukturierende/thematische Wirkung auf das Gebiet hat.”

 

Dies alles setzt jedoch voraus, dass die Eigentumsverhältnisse diesen Prozess erlauben. Somit schließe ich an meine eingangs formulierten Gedanken an und fordere die moderne Allmende als Warteschleife für eine sinnvolle Landnutzung heraus. Die Umsetzung übergeordneter, landschaftsräumlicher Konzepte, könnte der Suche nach Gemeinschaft, Orientierung und notwendigem Zusammenhang in hohem Maße entsprechen.

Der Städtebau lässt sich schwer korrigieren, aber das Entstehen eines lebendigen Landschaftsraums – als kultureller Bezugsraum einer spezifischen Region und als städtisch verwaltete Natur – könnte Verbindlichkeiten ermöglichen.

 

Brückenschlag zwischen Stadt und Landschaft – „mit Landschaft Stadt machen“

Christian Sörensen

 

aus Politikfeld Baukultur

Über Stadtumbaufragen und den Zusammenhang

von Lebensqualität und Stadtgestalt

 

Renate Fritz-Haendeler/Bärbel Möller (Hg.)